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ZEITGEFÜHL

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Uhrenjournal

Zenith - Auf dem Weg nach oben

Bericht 2005 zum Strategiewechsel der Marke

Die Manufaktur Zenith besinnt sich auf die wahren Qualitäten ihrer hochfeinen Uhren: technische Kompetenz in Verbindung mit anmutiger Eleganz.

Während des Schreibens am weiterZEITGEFÜHL-Uhrenbuch entwickelte sich eine Art "zweite Tonspur" bei mir, in der sich Gesichtspunkte sammelten wie: "Welches sind eigentlich die Uhren, die dir am besten gefallen? Welche Marken zeigen sich als lebendig, frisch, kreativ — oder sogar: als mutig, inspiriert, ja inspirierend?"
Ich sagte mir dann: "Irgendwann erlaube ich es mir, darüber mehr zu schreiben, und ganz persönlich zu schreiben, also weniger mit Hinblick auf Vollständigkeit und in sich ausgewogene Sachinformationen, sondern mehr in Bezug auf jenes gewisse Etwas, das für mich immer noch und nach wie vor die eigentliche Essenz der Welt der hochwertigen mechanischen Uhren ausmacht."

Dieses gewisse Etwas ist schwer zu beschreiben. Es macht nicht nur Technik aus, aber auch nicht nur äußere Erscheinung; vor allem besteht es zuallerletzt aus "Image", aus jenem im öffentlichen Denken gewachsenen, durch langanhaltende Werbemaßnahmen der Uhrenfirmen immer wieder bekräftigten künstlichen Bild einer Marke. Ich brauche gar keine Namen in diesem Zusammenhang zu nennen — jeder wird sofort die entsprechenden Assoziationen dazu haben und wissen, was ich meine. Dieses Bild ist es dann, was dazu führt, daß gewisse Uhren bewundert, begehrt und gekauft werden. Es ist völlig legitim, ein derartiges Bild zu schmieden und daran zu feilen — das gehört mit zu der Art, wie der Markt funktioniert, und wer diese Spielregeln nicht versteht, kommt nicht unverdientermaßen zu kurz. Und doch ist es bei weitem nicht identisch mit dem Kern dessen, was eine Uhr ausmacht, und was die Leute ausmacht, die in sie ihr Herzblut investieren.

Letztlich ist und bleibt es immer das gewisse Etwas, das die Faszination erzeugt und wachruft, und das nicht durch Werbung zu erzwingen oder zu erkaufen ist. Die Öffentlichkeit reagiert darauf sehr wohl, aber meistens etwas spät und mit langer Anlaufzeit. Aber gerade das finde ich hier so interessant: diese Anlaufzeit vorwegzunehmen, selbst früher hinzuschauen und sich auf seinen eigenen Instinkt, die eigene Intuition zu verlassen. Das ist sozusagen der Luxus, den ich mir leiste. Dieser Luxus, mir bestimmte Uhren und Marken herauszugreifen und darüber das zu schreiben, was noch nicht in den Massenpublikationen zu finden ist. Modelle herauszupicken, die dieses gewisse Etwas verkörpern und auf eine noch ganz frische, kaum entdeckte Weise verkörpern, so wie ein lauer, leichter Frühlingsduft das Versprechen des kommenden Sommers bereits in sich trägt, aber vielleicht anmutiger und geheimnisvoller und daher bezaubernder.

Es braucht Mut und große innere Überzeugung, das Image einer Marke so umzupositionieren, wie das mit Zenith nach dem Wechsel unter das Dach des LVMH-Konzerns geschehen ist. TAG Heuer, die Schwesterfirma, mit der sich Zenith unter demselben Dach findet, hatte es da viel leichter — man brauchte nicht umzusteuern, sondern konnte in derselben bereits erfolgreichen Richtung mit frischer Konsequenz weiter fortfahren. Zenith jedoch mußte eindeutig einen entscheidenden Schritt nach vorne tun, und so etwas ist dann mit Sicherheit eine ganz spannende Sache für alle Beteiligten. Im weiterZEITGEFÜHL-Uhrenbuch bin ich schon auf den Hintergrund derartiger Veränderungen eingegangen — hier möchte ich mich nun mehr mit den Uhrenmodellen selbst auseinandersetzen, die von der vorgenommenen Neuausrichtung zeugen, sowie mit der ihnen zugrundeliegenden Ästhetik.

Der jetzige Direktor von Zenith, Thierry Nataf (dieser Text ist von 2005), agiert zugleich in der Funktion des Art Directors. Seine Ideen und Eingebungen sind das Beste, was einer vorher eher biederen Manufaktur passieren konnte, deren unter Kennern hochgeschätzte technische Möglichkeiten hauptsächlich im verborgenen blühten, wo sie natürlich nicht hingehörten. Andere, renommiertere Marken haben Technik von der Stange und aus der Massenproduktion, Zenith hingegen war immer an vorderster Front gestanden, was Präzision, konstruktive Raffinesse und Zuverlässigkeit der Uhrwerke anbetraf. Und nun kommt die passende Ergänzung, nämlich eine visuelle Gestaltung, die in ihrer bemerkenswerten Abgeklärtheit und Stilsicherheit aus etwas Halbem etwas in sich geschlossenes, harmonisches Ganzes macht. Und wenn diese beiden Pole dann zu ihrer Verschmelzung finden, so beginnt diese Einheit zu schwingen und zu klingen, und heraus kommt, was man dann eben nicht mehr in Worten definieren, sondern nur beobachtend und erlebend auf sich einwirken lassen kann.

Zenith Grande Port-Royal Réserve du Marche

Zenith Grande Port-Royal Réserve du Marche,
Manufakturwerk Elite 685,
Gangreserveanzeige

Bildrechte bei Zenith

Ich habe deshalb zuerst das rechteckige Modell abgebildet, denn hier zeigt sich die neue Handschrift am deutlichsten. Rechteckigkeit hat sonst ja im Uhrenkosmos weniger zu suchen gehabt, drehen sich doch die Zeiger im Kreis, genau wie die Gestirne, die unsere Empfindung von Zeit wachrufen und lenken. Natürlich sind auch rechteckige Uhren keineswegs neu oder bislang unbekannt. Aber hier geht es noch um etwas anderes, nämlich um einen anderen Zeitgeist. Es ist der Zeitgeist der Moderne, wie er sich in großen Metropolen ausdrückt. Thierry Nataf erzählt, wie er sich in New York von den Eisenbrücken und den Wolkenkratzern inspirieren ließ, aber nicht nur mit dem Resultat optischer Zitate, sondern durch Vergegenwärtigung des hinter dem äußeren Muster verborgenen Impulses.

Es gibt, grob, aber nicht unrichtig gesagt, im wesentlichen nur zwei grundsätzliche Stile: den klassischen und den modernen. Daß auch der moderne nicht schlechter ist, und daß er nun einmal den Geist unserer Zeit mit voller Berechtigung und Authentizität wiederspiegelt, habe ich in den Temption- und Xemex-Kapiteln meines Uhrenbuches und auch im ergänzenden Beitrag hier im Web (weiterNeues über Xemex) gezeigt und illustriert. Es ist wichtig, daß auch dieser Stil inspiriert und originell ist — was er an etlichen Stellen in unserer kulturellen Umwelt leider meistens eben nicht ist; daher das Gefühl von Hohlheit und Dürftigkeit, das den modernen Menschen angesichts so vieler klischeehafter, geistloser Hervorbringungen unserer Zeit immer wieder beschleicht.

Eine intelligente und kreative, auch inspirierende Ausprägung dieses modernen Zeitgeistes — genau das bietet nun aber die rechteckige Port-Royal. Die Kanten des Gehäuses, die wabenförmige Zifferblattguillochierung, die wunderbar harmonisch eingefügte Anzeige der Gangreserve, die dynamisch, aber nicht unruhig oder unharmonisch wirkenden großen Stundenziffern, die körperhaft gestalteten, auf interessante Art zu den Spitzen hin auslaufenden Zeiger — all das paßt perfekt zusammen und bildet insgesamt eine Einheit, bei der das Ganze viel mehr ist als seine Teile. Die Uhr ist einfach genial, ist nüchtern und zugleich doch emotional, modern und doch zeitlos, und sie hat dieses mondäne Flair der französischen Schweiz, um das sich viele deutsche Hersteller vergebens bemühen.


Das andere Modell, das ich Ihnen vorstellen möchte, und das ich mir auch zum eigenen Vergnügen hier abbilde und erläutere — denn solche Bilder schaue ich mir mit einer nicht endenden Freude immer wieder gerne an —, entstammt der Reihe der sogenannten "Open"-Modelle, einer eigenen, nach dem Wechsel zu LVMH konsequent durchgeführten konstruktiven und Design-Philosophie. Natürlich das einzig Richtige, wenn man die Qualitäten des legendären El-Primero-Kalibers (des wohl wichtigsten Chronographenwerkes der Uhrengeschichte) bedenkt: sie nicht mehr zu verstecken, sondern die stolz herzuzeigen. Um der enorm hohen Schwingfrequenz von 36.000 Halbschwingungen pro Stunde mit hinreichender Stabilität standzuhalten, mußte aber erst einmal eine neue Werkplatte berechnet und entworfen werden. Als Lohn der aufwendigen Entwicklungsarbeit präsentiert sich das El Primero nun in verdientermaßen spektakulärer Form: mit einem lohnenden Einblick in den Hemmungsmechanismus und das Räderwerk mit Anker, Unruh und Sekundenrad.

Übrigens sind die Uhren an dieser Stelle durchsichtig, da auf der anderen Seiten ein Saphirglasboden ebenfalls den Blick aufs Werk eröffnet. (Ich erinnere mich noch, daß Zenith noch vor einigen Jahren prüder- und völlig unverständlicherweise diesen Blick durch Stahlböden verwehrte, so daß sich Kenner und Liebhaber des hochwertigen Werkes erst auf eigene Kosten ihre Uhren bei Spezialfirmen umbauen lassen mußten; zudem noch unter gleichzeitigem Verlust ihrer Garantieansprüche.)

Als zweite Neuerung findet sich hier eine aus der Mitte kommende Gangreserveanzeige, die das Gesicht der Uhr auf sympathische Weise verschönert: die Uhr lächelt einem zu.

Zenith Chronomaster T Open

Zenith Chronomaster T Open,
Manufakturwerk El Primero,
Gangreserveanzeige

Bildrechte bei Zenith

"Lächle dem Leben zu, und das Leben wird zurücklächeln", lautet das passende Motto der neuen Firmenära — und ich gebe es mit der herzlichen Empfehlung, darüber einmal in Ruhe nachzudenken, an Sie, den Leser weiter. Und wenn die bisher erwähnten Modelle noch nicht genügend Beweis für die Richtigkeit dieser Einstellung gegeben haben, so tun das die Damenmodelle der Manufaktur ganz gewiß. Für mich gehören sie zu den schönsten, anmutigsten und erotischsten Damenuhren der ganzen Uhrengeschichte. War es mir bislang stets so vorgekommen, als führten die Damenuhren meistens nur ein Dasein als exaltierte, unpraktische Varianten der Uhrenwelt, besonders wenn man sich einmal anschaut, was da alles mit minderwertigen Quarzwerken ausgestattet ist (wie paßt so etwas z.B. zu Juwelenuhren für Zehntausende von Euros?), so gibt es bei Zenith nun das hochklassige El Primero auch für die Frau, und inzwischen sogar schon ein Modell mit Tourbillon.

Zenith Chronomaster Star

Zenith Chronomaster Star,
Manufaktur-Automatikwerk El Primero 4002,
Chronograph, Chronometer,
Damenkollektion mit verschiedenfarbigen Armbändern in Eidechsenleder,
Lünette mit Diamanten besetzt

Bildrechte bei Zenith

Die verschiedenartigen Varianten dürften jede individuelle Farb- oder Ausstattungserwartung zufriedenstellen: neben bunten Zifferblatt- und Armbandkombinationen gibt es die Uhren in Edelstahl/Silber und in Gold, schwarz oder weiß, mit diamantenbesetzter Lünette oder ohne. Hinzu kommen, wie beim Chronomaster-Herrenmodell, die Open-Modelle. Wer will, kann sogar mit Rosa oder Orange experimentieren.

Ich kann mich an keine Damenserie erinnern, die so frisch, so inspiriert, so spielerisch, so lebensfroh und sexy auftritt. Mechanik und Sinnenfreude verbinden sich zu einem bislang ungewohnten Zusammenklang. Besser kann man die Damenwelt nicht mit der Welt der mechanischen Uhren vertraut machen (oder sollte man eher von Verführung sprechen?) — einer Welt, die bislang immer noch irgendwie trocken-technisch und verstandesorientiert, eben doch vorwiegend auf Männer und ihre Vorlieben fixiert aufgetreten war.

Zenith Chronomaster Star Open

Zenith Chronomaster Star Open,
Manufaktur-Automatikwerk El Primero,
Chronograph, Chronometer,
Damenkollektion in verschiedenen Ausführungen,
z.B. Lünette mit Diamanten besetzt,
mit Gangreserveanzeige

Bildrechte bei Zenith


Die Wiedergeburt des Uhrenhauses Zenith ist nach meinem Empfinden vollauf gelungen. Denn hier wurde nicht angstvoll und sicherheitsfixiert auf Erfolg kalkuliert. Sondern man zeigte Mut zu Neuem, stürzte sich sozusagen kopfüber ins Leben hinein: mutig, mit Freude, mit Begeisterung und Elan, kurz: mit einer echten Vision davon, wie Uhren dem Menschen etwas bringen und ihn bereichern können. So etwas geschieht eben nicht durch bloßes Technikgebastel oder durch starres Pochen auf altgewohnte Tradition und die dazugehörigen, längst eingebürgerten Produktnamen. Das sind die üblichen Rituale, mit denen oft genug noch Uhren verkauft werden sollen, und ist das nicht unglaublich fade und abgegriffen, bis zum Überdruß wiederholt und aufgewärmt?

Was mich dagegen viel stärker interessiert, das sind diejenigen Marken, die die Uhrenlandschaft verwandeln und umpflügen — die das Risiko auf sich nehmen, neue Wege zu gehen. Eine Garantie auf Erfolg gibt es nicht; aber der, der sich durchsetzt, hat es sich immer auch verdient. Das Feld wurde von Zenith und seinen neuen Verantwortlichen reich bestellt, die Leistung erbracht — ich freue mich, nun Ihre Aufmerksamkeit auf die Ergebnisse lenken zu dürfen, denn sie sind es wahrlich wert.

Gerd-Lothar Reschke
— München, 20.6.2005 —

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